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„Geschichten zum Handbuch für den Schulunterricht“

Mit Vielfalt umgehen

Leseprobe

Thema: Beziehungen

Teil I

Mit zitternden Händen greift Almira zum Telefonhörer. Immer wieder verschwimmt die Schrift vor ihren Augen. Innerhalb von Sekunden ist ihr Leben wie durch einen Bombenhagel zerstört.

„Julie Bäcker, hallo?“
Almira schluchzt haltlos.
„Almira, bist du das? Du lieber Himmel, was ist passiert?“
„Ich muss zurück in den Kosovo.“

Atemlose Stille am anderen Ende der Leitung. „Mein Gott“, murmelt Julie nach Ewigkeiten. „Bleib wo du bist Schatz, ich bin gleich bei dir.“

„Sie können dich doch nicht einfach abschieben. Du lebst seit elf Jahren hier. Das ist fast dein halbes Leben!“ Fassungslos liest Julie den Bescheid der Ausländerbehörde wieder und wieder.

„Sie sagen, es ist kein Krieg mehr“, flüstert Almira. „Aber meine Familie kommt doch ursprünglich aus Bosnien und deshalb werden sie mir das Leben dort zur Hölle machen. Und wenn sie erfahren, dass ich lesbisch bin, töten sie mich.“ Almira sieht ihre Freundin an. „Auch im Kosovo wurden Menschen getötet. Ich habe gesehen, wie sie meine Schwester und meine Cousinen schwer misshandelten und meinen Onkel mit Mord bedrohten. Dort lauert der Tod. Dort wartet keine Ausbildung, kein Zuhause, keine Liebe. Nur Gewalt, nur Zerstörung.  Ich kann nicht zurück, Julie.“

„Nein, natürlich nicht. Wir finden einen Weg, Almira. Ich liebe dich, ich lass dich nicht gehen. Niemals, hörst du?“

Teil II

„Was ist passiert, Almira? Seit Wochen starrst du die Wände an. In drei Fächern hast du eine Sechs geschrieben. Und ich dachte ernsthaft, du willst in Deutschland etwas werden. So jedenfalls wirst du keine Lehrstelle bekommen.“
„Das liegt nicht an mir“, sagt Almira leise. „Ich habe keine Zukunft in Deutschland.“
„So ein Unsinn“, schimpft der Lehrer. „Natürlich liegt es an dir. Wer etwas werden will, schafft es auch. Natürlich nicht mit diesen Leistungen. Schade Almira, dass ich mich so in dir getäuscht habe.“

Wenn Sie wüssten, dass ich lesbisch bin, würden sie das Abschiebeschreiben wahrscheinlich noch beklatschen, denkt Almira und steckt ihre Arbeit ein, ohne sie anzusehen.

  „Gegen eine Abschiebung muss man doch etwas unternehmen können.“ Julie sieht ihre Kommilitonen nach der Vorlesung im Hörsaal herausfordernd an.

„He, der Krieg im Kosovo ist vorbei, Julie. Waren lange genug hier, die ganzen Leute. Musst du dir eben eine andere Freundin suchen.“ Georg grinst hämisch. Einige nicken.

„Was seid ihr nur für Menschen?“ Geschockt sieht Julie sich um. „Und ihr wollt Pädagogen werden?“

„Du willst die Abschiebung doch nur verhindern, weil du auf sie stehst, oder?“ mischt sich Karin ein.

„Sagt mal, habt Ihr überhaupt einen Schimmer davon, was  Krieg und Traumatisierung auch noch Jahre später anrichten können?“, entgegnet Julie.

„Ich glaube, du übertreibst mal wieder gewaltig, Julie. Wie immer.“ Lässig lehnt sich Georg zurück.

  „In der Schule versteht mich niemand. Ich fühl mich so alleine. Der Lehrer denkt, ich bin faul.“ Almira schiebt Julie die verpatzte Deutscharbeit zu.

„Die anderen Studentinnen und Studenten sind auch übel drauf“, seufzt Julie resigniert. „Allen scheint egal zu sein, was hier passiert.“

„Wollen wir im Internet nach Hilfe suchen?“
„Almira, Süße, du bist genial.“

Hochkonzentriert sitzen sie kurz darauf vor ihren Rechnern.

„Unterstützerkreis für Flüchtlinge, sieh mal“, sagt Julie plötzlich. „Das ist genau, was wir suchen.“
„Und guck mal hier“, lacht Almira. „Ich habe einen  European Chat für junge Homosexuelle gefunden.“

„Spannend“, schmunzelt Julie. „Ich ruf mal beim Unterstützerkreis an, ok?“
„Dann schreib ich die Adresse vom Triangle-Chat auf.“
„Termin beim Unterstützerkreis in einer Stunde“, verkündet Julie.
„Der Chat ist offen.“ Gebannt tippt Almira etwas ein.
„Zeig mal.“ Julie setzt sich neben sie.
<Almira> hallo, bin lesbisch und lebe in Deutschland, soll in den Kosovo abgeschoben werden. Was kann ich tun?
<Mark> Hey, komme aus den Niederlanden. Hast du eine deutsche Freundin, dann heiratet. Nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz müsste das gehen. Wenn ihr beide 18 seid.
<Julie> Ich bin die Freundin. Meinst du wirklich? Das wäre toll. Ja, 18 sind wir beide. Müssen leider jetzt los. Sollen wir berichten?
<Mark> Unbedingt. Schön, euch getroffen zu haben. Bis bald!
<Aaron> Will auch wissen, was ihr erreicht. Bin öfter hier im Chat.
<Almira> Toll. Thx, kommen wieder. cu

 Teil III

„Für Flüchtlinge aus dem Kosovo sieht es leider sehr schlecht aus. Den Behörden ist nicht klar zu machen, dass Minderheitengruppen wie zum Beispiel bosnische Muslime dort immer noch ein schweres Leben haben.“ Die Beraterin sieht Almira lange an. „Und du bist noch dazu lesbisch. Es ist unverantwortlich, dich zurückzuschicken.“
„Wenn wir heiraten würden – nach dem neuen Lebenspartnerschaftsgesetz – könnten wir dann eine Abschiebung verhindern?“ Julies Stimme klingt flehend.
„Ja, das wäre durchaus möglich. Nach §23 des Ausländergesetzes würde Almira nach der Heirat zunächst eine befristete Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre, danach eine befristete Verlängerung bekommen und in acht Jahren könnte sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen.“

„Aber was wird aus meinen Eltern?“ wirft Almira ein.
„Deine Eltern können wir so nicht vor der Abschiebung retten“, sagt die Beraterin leise.
„Ohne sie kann ich nicht bleiben“, schluchzt Almira. „Ohne meine Eltern will ich hier nicht leben.“

„Du solltest mit deinen Eltern zusammen hierher kommen. Wir werden alles versuchen, um auch sie vor der Abschiebung zu bewahren.“ Die Beraterin zögert. „Liebt Ihr beiden euch und wollt deshalb heiraten oder ist es eher der Versuch, Almira zu retten?“
„Ich liebe Almira“, erwidert Julie. „Vielleicht wäre ich ohne die Bedrohung nicht auf die Idee gekommen, aber jetzt sehe ich es als große Chance.“
„Ich will meine Eltern nicht verlieren“, flüstert Almira. „Ich weiß nicht, ob sie jemals verstehen, dass ich eine Frau heirate.“
„Almira, für dich würde eine Rückkehr in den Kosovo das Ende bedeuten. Du bist hier aufgewachsen, hast mehr als dein halbes Leben hier verbracht, du bist an diese Kultur gewöhnt, willst eine Ausbildung machen. Du liebst eine Frau. All das im Kosovo zu leben ist undenkbar. Und dann die Traumatisierungen, die du und deine Eltern erlebt haben. Dort gibt es keine Therapiemöglichkeiten. Eine Rückkehr in den Kosovo bedeutet eine erneute Traumatisierung für alle Familienmitglieder. Du hast erzählt, dass Familienmitglieder vor deinen Augen schwer misshandelt und mit dem Tod bedroht wurden.“

Almira weint lautlos. „Beide Eltern haben es miterlebt. Mama versucht mich zu beschützen. Sie ist stark. Aber Papa ist daran zerbrochen. Ich kann Mama nicht mit ihm allein lassen. Papa braucht uns beide.“
„Wissen deine Eltern, dass du und Julie heiraten wollt?“
„Darüber würden sie vielleicht hinwegkommen, aber nicht über die Trennung von mir. Für Papa wäre es das Ende.“
„Es muss eine Lösung für dich und für deine Eltern geben, Almira. Versprechen kann ich dir nichts. Eine Heirat mit Julie würde dich retten, das ist sicher. Und wir müssen dich retten.“ Die Beraterin lächelt Almira aufmunternd zu. „Komm morgen mit deinen Eltern. Wir werden gemeinsam für sie kämpfen.“

Ende

Thema: Verschiedene Lebensformen

Teil I

„Alexander, tu mir einen Gefallen und gib mir die Einladung zum Elternabend, ja? Hans möchte mitkommen und muss sich den Termin vormerken.“

Entgeistert starrt Alexander seinen Vater an. „Mensch Papa. Wieso muss Hans da mitkommen?“

„Nach fünf Jahren zusammenleben ist Hans für dich wie ein zweiter Vater, richtig?“
„Ja, aber, ich meine – ganz ehrlich, kannst du nicht trotzdem mit Mama hingehen? Das wäre echt tausendmal besser.“
„Mein Schatz, schwul sein ist heute ganz normal. Deshalb musst du dir nun wirklich keine Sorgen machen. Du siehst Mama nur jedes zweite Wochenende und den Alltag, deine Hausaufgaben – alles, was dich betrifft, regeln Hans und ich. Oder etwa nicht? An deiner Schule sollten sie langsam mitbekommen, dass Hans für dich genauso verantwortlich ist. Auch er kann dir eine Entschuldigung schreiben oder Gespräche mit deinen Lehrern führen. Im Grunde genommen ist er mehr für dich da als ich. Ich will mich nicht verstecken und will Hans auch nicht verleugnen.“
„Ja schon. Klar, das versteh ich ja auch. Aber das muss doch trotzdem nicht jeder wissen. Mein Leben ist auch ohne das schon stressig genug. Du denkst immer, Homosexualität zu akzeptieren fällt der gesamten Menschheit leicht – bloß weil Hans und du tausend Lesben und Schwule kennt. Ehrlich, bei mir an der Schule herrscht die totale Wüste, was das Thema angeht. Ich seh’ den Pauker schon vor mir. Geifernder Gesichtsausdruck, hämische Bemerkungen, aber natürlich total tolerant“, stöhnt Alexander.
„So schlimm, Alexander?“ Der Vater sieht ihn aufmerksam an. „Hans und ich kriegen das hin. Wird langsam Zeit, dass dein Wüstendasein aufhört.“
„Okay, dann geh ich mich jetzt mal beerdigen. Die Einladung zum Elternabend hat Hans übrigens an die Pinnwand gehängt", seufzt Alexander.
   

Teil II

„Guten Morgen allerseits“, begrüßt Frau Steiner ihre Klasse und lässt ihren Blick über die Köpfe der Schüler schweifen. Alexander rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Als sich seine Blicke mit denen der Lehrerin treffen, erstarrt Alex zur Steinsäule.
„Nun“, beginnt die Lehrerin auch schon und klopft bedächtig auf das Pult. „Alexander, ich habe gestern deine beiden Väter kennen gelernt. Zwei sehr nette Männer. Magst du uns erzählen, wie es dir mit ihnen geht?“

Zweiunddreißig Augenpaare saugen sich an Alex fest.

„Gut geht’s mir damit“, würgt Alex raus und seine Stimme krächzt rabengleich.
„Was heißt denn das, zwei Väter?“ fragt Kathrin, die nie weiß, wann sie ins nächste Fettnäpfchen tritt.
„Alex?“ Die Lehrerin erhebt ihre Stimme und mustert ihn herausfordernd.
„Was soll das schon heißen?“ Plötzlich ist Alex wütend. Er sieht seinen Klassenkameraden direkt in die Augen. „Mein Vater ist schwul. Er liebt einen anderen Mann. Deshalb habe ich zwei Väter und eine Mutter.“ Er will, dass seine Stimme stolz klingt, aber in Wirklichkeit zittert sie verdächtig.

„Das ist ja pervers“, fährt Erkan hoch. „Ekelhaft. Wenn ich der wäre, würde ich mich in der dunkelsten Ecke verkriechen und beten, dass ich wieder normal werde, statt das rauszuhängen. Igitt.“
„Mein Vater ist normal“, sagt Alexander mit leiser Stimme.
„Gibt es noch weitere Meinungen dazu?“ Suchend sieht sich Frau Steiner um.
„Man kann sich deswegen behandeln lassen“, bemerkt Kathrin. Einige grinsen.

„Mein Vater muss sich nicht behandeln lassen“, faucht Alexander. „Der ist total okay und Hans auch. Leute wie ihr, die das nicht akzeptieren wollen, brauchen viel eher eine Therapie.“
„Was willst du?“ Drohend erhebt sich Erkan. „Was sagst du da? Komm her, du Arsch, dann zeig ich dir, wer hier normal ist und wer nicht. Bist wohl selbst so ein dreckiger Schwanzlutscher.“ Er packt Alex hart an den Schultern und schüttelt ihn.

Die Klasse schweigt. Frau Steiner fährt sich mit der Hand über die Haare, bleibt ansonsten wie angeklebt auf der Stelle stehen, Schweißperlen bilden sich auf ihrer Stirn.
Totenblass steht Koray auf. „Entschuldigung“, murmelt er. „Mir ist schlecht.“
„Schlappschwanz“, zischt Erkan ihm zu und spuckt verächtlich zwischen Koray und Alex auf den Boden. „Noch ein perverses Wort und du bist tot Mann“, droht Erkan Alexander, bevor er ihm einen heftigen Stoß gibt. Reine Glückssache, dass Alex nicht hinfällt.
„So geht das nicht, Erkan“, sagt die Lehrerin hilflos. „Du entschuldigst dich jetzt bei Alexander und du Koray, setz dich gefälligst wieder hin.“
„Ich mich bei einem Perversen entschuldigen“, höhnt Erkan. „Der entschuldigt sich bei mir, Frau Steiner, damit das klar ist.“
„Homosexualität ist heutzutage ganz normal“, stammelt Frau Steiner. „Der Vater von Alexander kann nichts dafür, dass er so ist.“
„Also, ich geh jetzt, das reicht Frau Steiner“, flüstert Alexander und ist schon draußen, bevor Frau Steiner auch nur piep sagen kann.
 

Teil III

„Das ist wirklich sehr nett, dass sie mir gleich einen Termin geben konnten.“ Frau Steiner betrachtet verlegen ihre Schuhspitzen.
„Frau Steiner, mir scheint, Alexander hat einen sehr schweren Stand in seiner Klasse – haben sie denn Homosexualität in ihrer Klasse noch nie zuvor thematisiert?“
„Das gehört nicht zum Lehrplan“, verteidigt sich Frau Steiner mit fast trotzigem Gesichtsausdruck.
„Ja leider“, nickt der Berater Herr Wyler zustimmend. „Also abgemacht. Ich komme in der nächsten Woche in Ihren Unterricht. Und vielleicht könnte eine Beratung auch Ihnen helfen, mit der Thematik vertraut zu werden“, sagt der Berater freundlich. 

In der Klasse herrscht absolute Stille.

„Ich bin sehr froh, heute bei euch zu sein. Ich will euch nicht mit Zahlen langweilen, aber ganz ohne geht es leider nicht. Verzeiht mir bitte. Mitschreiben müsst ihr bei mir aber nicht,“ lächelt Herr Wyler und einige Schüler und Schülerinnen grinsen zurück.

„Ungefähr jeder zehnte Jugendlich ist homosexuell. Hmh – das wären in eurer Klasse also etwa zwei Schüler. Stellt euch vor, sie können mit euch nicht darüber reden, müssen sich immer verstecken, sich fürchten, ausgegrenzt zu werden.“ Herr Wyler sieht sich langsam in der Klasse um. „Einige von euch kennen das Gefühl, ausgegrenzt zu werden, weil sie anders sind, sicher sehr gut, richtig?“
„Aber man muss es ja nicht gleich so raushängen lassen“, murmelt Erkan.
„Menschen sind unterschiedlich“, sagt Herr Wyler. „Klar gibt es Lesben und Schwule, die offen leben – die dafür gekämpft haben, heiraten zu dürfen und ein gemeinsames Sorgerecht für ihre Kinder zu bekommen. Genauso gibt es Homosexuelle, die niemandem sagen, wie sie fühlen. Manche heiraten einen andersgeschlechtlichen Partner und leben ihre Gefühle für das gleiche Geschlecht nur heimlich aus. Es gibt Lesben und Schwule, die in WGs leben, welche, die zusammenleben, ohne zu heiraten und welche, die allein wohnen wollen, auch wenn sie in einer Beziehung leben. Es ist gar nicht so anders als bei den Heterosexuellen.“
„Hauptsache ist doch, dass sich zwei Menschen wirklich lieben. Nur darauf kommt es an“, wagt Alexander sich vor.
„Ein schönes Schlusswort für diese Stunde“, mischt sich Frau Steiner ein.
„Für den Fall, dass jemand von euch mit mir reden will, lasse ich die Telefonnummer von unserem Beratungstelefon hier.“
Kurz vor dem Pausenhof dreht sich Herr Wyler noch einmal um. „Hey, du warst eben in der Klasse, richtig?“

Koray nickt. „Danke, Herr Wyler. Ich bin vielleicht einer von den zweien und würde gerne einmal kommen.“
„Gerne“, sagt Herr Wyler.

  Ende

 

Thema: Gesundheit und psychosoziale Probleme

Teil I

Heute werde ich Chloé in Fontenay besuchen. Jetzt sind wir schon über ein Jahr zusammen und endlich lerne ich ihr Zuhause kennen.

Ich denke an den Tag zurück, an dem ich Chloé zum ersten Mal gesehen hatte. Drei Monate lange chatteten wir im Triangle-youth-chat, bevor wir zufällig rausfanden, dass wir quasi Nachbarinnen sind. Nix Frankreich, Österreich, Holland, Italien – nein, Fontenay und Paris. Und das liegt wirklich bloß einen Steinwurf voneinander entfernt. Natürlich haben wir ein Date ausgemacht.

Elsa und Chloé: Ein Treffen im wirklichen Leben.

Meine Güte, was hatte ich mir den Kopf zerbrochen, ob Chloé hässlich oder richtig doof sein könnte - sowas weiß man ja beim Chatten nie. Meiner Mutter wollte ich das mit dem Chat lieber nicht erzählen. Eigentlich blöd, wo ich schließlich selbst chatte und Mama sicher nie auf den Gedanken käme, vor mir müsste sich wer fürchten. Jetzt ist das sowieso egal, Mama mag Chloé und das ist das Wichtigste.

Mensch, ich muss los, sonst lande ich heute nicht mehr in Fontenay. Griff zur Jacke, Blick in den Spiegel, Schlüssel vom Haken und weg.
Der Vater von Chloé ist echt der Hammer, denke ich zwei Stunden später und fühle mich reichlich unwohl.
„In einer Stunde bist du wieder da, ist das klar?“ wendet er sich gerade an Chloé.
Chloé ist so verschreckt, dass mir richtig kalt davon wird.
„Komm Chloé.“ Ich zieh sie hoch und hau schnellstens mit ihr ab.
„Ist dein Vater immer so?“ Nachdenklich werf’ ich ein paar Steinchen in einen Tümpel.
Chloé nickt vorsichtig. „Er liebt mich halt.“ Ihre Stimme klingt traurig. „Bin sein einziges Kind – er meint es eigentlich nur gut.“
„Aber zu Hause eingesperrt werden ist nicht gut.“
„Nee, klar.“ Chloé grinst schief.
„Du hast mir nie erzählt, dass er dich kontrolliert.“
„Hättest du es denn verstanden? Papa ist ein herzensguter Kerl, wenn man ihn nur richtig kennt."
„Kann ich mir nicht vorstellen“, murmele ich.
„Lass uns nicht streiten, bitte. Gleich musst du schon wieder fahren und ich hab mich doch so auf dich gefreut.“
Vorsichtig ziehe ich Chloé ganz nah an mich heran und küsse sie mitten auf den Mund.
Mein Körper ist wie elektrisiert. Ich fühle ihre Erregung und mir wird heiß.
„Du perverses Miststück.“ Er reißt mich an den Haaren hoch und stößt mich grob Richtung Tümpel. „Lass dich nie wieder hier blicken, Dreckstück!“
Chloés entsetzte Augen treffen meine.
Das ist das letzte, was ich von ihr sehe.
 

Teil II

„Schatz, was ist mit dir?“ Besorgt sieht meine Mutter mich an. „Warum kommt Chloé nicht mehr? Habt ihr euch gestritten?“
„Es ist nicht wegen ihr Mama.“
„Wir müssen reden Elsa. Du hast in den letzten Wochen mindestens fünf Kilo abgenommen. Es geht dir nicht gut. Ich möchte wissen, was dich bedrückt.“
„Ich weiß Mama. Tut mir leid, ich muss los. Bis später“. Schnell mach ich, dass ich davonkomme. Wenn ich heute aus dem Fenster sehe, ist alles grau. Dabei scheint die Sonne. Mein Frühstück schmeckt wie trockenes Stroh. Das Lachen der anderen auf dem Schulhof dröhnt in meinen Ohren. Ich hör sie mit mir reden, ich antworte auch was. Aber fragt bloß nicht nach meinen Gefühlen. Dagegen ist ein Roboter wahrscheinlich menschlich. Ich klammere mich an die Schule, weil alles andere einfach keinen Sinn mehr macht. Natürlich hat Mama Recht. Aber ich kann schließlich nicht zaubern. Letzte Woche haben wir ein Märchen geschrieben. Modern und selbst erfunden. Meins begann ‚Eines Tages stülpte eine außerirdische Macht eine Käseglocke über die Welt. Aber niemand bemerkte es...‘, ging ziemlich gruselig weiter und endete tödlich. Ich habe zwar eine Eins dafür bekommen, aber das nützt mir auch nichts mehr.
„Wie viel hat dein Märchen mit dir zu tun?“ fragt Frau Dupont nach der Stunde. Ich zucke die Achseln.
„Dir geht es schon seit Wochen schlecht. Hast du Ärger zu Hause?“

Ich schüttle stumm den Kopf.
„Bist du unglücklich verliebt?“
Überrascht seh’ ich sie an.
„Es ist ein Mädchen, nicht wahr?“ fragt Frau Dupont leise.
„Nicht deswegen“, flüstere ich und schon ist ein Damm gebrochen. „Ihr Vater“, schluchze ich.
„Elsa, wie kann ich dir helfen? Vielleicht wäre es gut, die Telefonnummer Ligne azur für Lesben und Schwule anzurufen. Sie verstehen dich sicher. Was denkst du?“
„Woher wissen Sie von einer solchen Nummer?“
„Du bist nicht das einzige lesbische Mädchen an dieser Schule.“ Frau Dupont zwinkert mir zu.
Zum ersten Mal seit Wochen fühle ich so etwas wie einen Hauch von Hoffnung.

Teil III

Ich erzähle Marie, meiner Beraterin, endlich den Alptraum, der mich seit Monaten verfolgt und den ich nicht verstehe. Ein Monster, das mich in einem kleinen Tümpel ertränkt und widerlich lacht dabei. Und plötzlich sehe ich die Szene wieder ganz klar vor mir.
„Chloés Vater – er hat mich an den Haaren hochgerissen und beschimpft. Er stieß mich in einen Tümpel.“ Zum ersten Mal fühle ich das Entsetzen wieder, das ich ganz vergessen hatte.
„Mein Gott Elsa, Chloés Vater hat dich angegriffen? Das habe ich noch gar nicht gewusst. Dein Alptraum könnte zeigen, wie sehr dich ihr Vater damit verletzt hat. Hast du über diesen Angriff schon einmal gesprochen?“
Ich schüttle stumm den Kopf. „Denkst du, deshalb fühle ich mich so? Bis gerade dachte ich, es geht mir so schlecht, weil Chloé seit Wochen nur noch von Selbstmord redet und weil ich ihr nicht helfen kann. Ich konnte mich aber auch gegen ihren Vater nicht wehren. Das macht mich fertig.“
„Ja, das versteh ich. Du hast erlebt, dass ihr Vater dich zutiefst verletzen konnte. Natürlich fühlst du dich hilflos. Wahrscheinlich genauso hilflos wie damit, Chloé helfen zu wollen und nicht zu wissen, wie.“
„Du meinst, das hängt irgendwie zusammen?“ frage ich leise.
„Das ist zumindest gut möglich, Elsa. Hätte Chloés Vater dich nicht so bedroht, könntest du jetzt vielleicht besser handeln. Möglicherweise fühlst du dich gerade genauso wie in der Situation damals.“
„Ich habe mich so geschämt. Mich so dreckig gefühlt. Als hätte er mich von oben bis unten vollgespuckt.“
„Das hat er ja“, sagt Marie. „Es ist gut, dass du darüber sprichst. Nur so kannst du aus deiner Ohnmacht herauskommen. Und wenn du da raus bist, dann kannst du schau’n, was du für Chloé tun kannst, okay?“
Alles, was Marie sagt, klingt so logisch und einfach und gut. Niemals hätte ich gedacht, dass mich diese eine Situation so tief erschüttern könnte. Aber Marie hat Recht. Ich erinnere mich, wie sicher und geborgen und wie offen ich mich mit Chloé fühlte. In dieser Situation war ich berührbar und natürlich auch verletzbar. Aber das konnte ich nicht mehr sehen, nach dem Angriff von Chloés Vater.
Das kann ich erst jetzt verstehen.

 

Ende

Thema: Coming-out und Identitäten

Teil I

Warum hat er Jan überhaupt von der Sportgruppe erzählt? Und der kommt auch noch tatsächlich.
Jan bringt ihn total durcheinander, wäre der doch nie nach Amsterdam gezogen. Anfangs hatte Mark sich bloß gefreut, endlich noch einen zweiten begeisterten und begabten Schwimmer in der Klasse zu haben.
Vor seiner Haustür schlendern zwei Jugendliche aus der Siedlung gemächlich auf und ab. Die haben sicher schon auf ihn gewartet. Seit Tagen heften sie sich an seine Fersen und machen dumme Sprüche. Ich tu einfach, als wären sie nicht da. Betont lässig überquert er die Straße und steuert auf die Haustür zu. Peter stellt sich ihm in den Weg. Er grinst hämisch. Mark schluckt, sieht Peter nicht an und schiebt ihn plötzlich zur Seite.
„He, du schwule Sau, von so einem lasse ich mich doch nicht anpacken“, höhnt Peter und geht einen Schritt auf Mark zu.
„Haut endlich ab, verdammt“, brüllt Mark. Peter und Freek weichen verdutzt zurück. Mark braucht nicht mal zwei Sekunden, um den Schlüssel im Schloss umzudrehen und die Haustür zu öffnen. Wütend wirft er sie hinter sich ins Schloss.
„Mark, was soll das? Dein Vater versucht gerade, sich von der Schicht zu erholen.“ Mark würdigt die Mutter keines Blickes. Die ganze Welt soll ihn gefälligst in Ruhe lassen.
„Mark, ich habe mit dir gesprochen.“ Die Mutter hält ihn am Ärmel fest.
„Meinst du, ich lebe gern in dieser Scheißsiedlung“, entgegnet er mit zusammengebissenen Zähnen, reißt sich los und stürzt auf sein Zimmer.
Ich muss an etwas anderes denken. Mathehausaufgaben machen oder vielleicht Mareike anrufen. Irene meint, sie will was von mir. Also gut.
Er starrt das Telefon an, wählt Mareikes Nummer, hört ihre Stimme und legt sofort wieder auf. Geht schnell zurück und schließt die Tür von innen ab.
Er sieht Jan vor sich, der ihn anlacht, ihn am Ende des Wettkampfs umarmt. Küsschen rechts, Küsschen links, wie sich alle voneinander verabschieden. Nur dass Marks Herz bei ihm anfängt verrückt zu spielen, sein ganzer Körper wie elektrisiert ist, wenn er Jans Körper so dicht an seinem spürt. Ich muss komplett verrückt geworden sein, denkt Mark verzweifelt. Das ist nicht normal, dass mich ein Junge anmacht. Mareikes Stimme müsste sowas bei mir auslösen, nicht Jans Umarmung. In der Schule kann ich mich nicht mehr sehen lassen. Ich muss Jan aus dem Weg gehen.

 Teil II

„Mark, kommst du bitte nach der Stunde zu mir?“ Das hat ihm gerade noch gefehlt. Nicht genug, dass seine Mutter gestern einen Brief von der Schule bekam, weil wegen der hohen Fehlzeiten seine Versetzung gefährdet ist, jetzt will der Pauker auch noch was von ihm. Mark kann sich schon denken, was das sein soll.
Er hätte Jan nicht anschreien und schon gar nicht wegstoßen dürfen. Dass Jan ihn nach dem Sieg stürmisch umarmt hat, ist noch lange kein Grund auszurasten. Das Schlimmste aber war, wie Jan ihn angesehen, sich wortlos umgedreht hat und weggegangen ist. Marks Magen dreht sich noch immer um, wenn er daran denkt. Die ganze Stunde starrt Mark Jans leeren Stuhl an und ist zu keinem klaren Gedanken fähig. Seit Wochen verfolgt Jans Gesicht ihn in seinen Träumen, erregt es ihn, an Jan zu denken, rast sein Herz, wenn Jan ihn auch nur von Weitem ansieht.
„Wir müssen uns dringend unterhalten“, stellt der Lehrer Mark zur Rede. „Seit diesem Schuljahr bist du wie ausgewechselt. Schwänzt die Schule, bist im Unterricht kaum ansprechbar und jetzt das. Ich dachte, du freust dich, einen zweiten Schwimmer in der Klasse zu haben, dachte, Jan und du werdet die besten Freunde.“
„Superschwimmer zu sein allein reicht eben nicht“, murmelt Mark. „Ich wollte nur nicht, dass er mich anfasst.“
„Du wirst dich bei Jan entschuldigen, Mark!“ Der Lehrer mustert Mark nachdenklich. „Was das Anfassen betrifft, Jan ist nicht schwul. Und selbst wenn, ich dulde Schwulenhass genauso wenig wie jede andere Form der Diskriminierung.“
Schwulenhass, Schwulenhass, hämmert es in Marks Kopf und plötzlich fängt er an zu weinen.
„Junge, was ist los mit dir?“ Die Stimme von Herrn van der Kolk klingt erschrocken. Vorsichtig hält er Mark an den Schultern fest. „Du warst doch immer so ein interessierter Schüler. Und Diskriminierung passt auch nicht zu dir. Jan hat es schon schwer genug damit, dass er neu an dieser Schule ist. Gerade dich mag Jan besonders, das habe ich schon am ersten Tag gemerkt. Mark, ich erwarte eine Erklärung von dir für dein Verhalten der ganzen Klasse gegenüber. Du wirst dafür die Verantwortung übernehmen, ist das klar?“
‚Gerade dich mag Jan besonders, gerade dich‘ spukt die Stimme seines Lehrers in Marks Kopf herum.
„Mark?“
„Ich kann das nicht.“ Marks Stimme zittert.
„Dann wirst du dich mit unserem Schulpsychologen unterhalten müssen. Die Sache mit Jan und deinen Fehlzeiten, das muss wieder in Ordnung kommen. Und zwar sehr bald.“
 

Teil III

Freundlich sieht der Schulpsychologe aus. „Unter anderem hab ich einen Mitschüler beleidigt und weggestoßen, deshalb bin ich hier.“
Herr de Vries nickt fast unmerklich. „Was ist passiert?“ fragt er, als Mark nicht weiter spricht.
„Wieso fasst er mich an, wenn ich gewinne?“ stößt Mark hervor. „Hätte er das doch einfach gelassen.“ Verzweifelt bricht er ab.
„Weil Jan dich umarmte, hast du ihn angegriffen?“
Mark nickt stumm.
„Vielleicht war es Jan einfach wichtig, dir zu zeigen, wie stolz er auf deine Leistung ist, weil er dich mag. Das wäre ganz normal, Mark, oder?“
„Nein“, schreit Mark und stürzt zur Tür. „Das ist überhaupt nicht normal, das ist pervers.“
Niemand weiß, was er durchmacht. Peter und Freek werden ihn kurz und klein schlagen, wenn er wirklich ... bloß nicht weiterdenken. Zehn Termine musste er mit dem Schulpsychologen ausmachen – so ist es mit Herrn van der Kolk abgemacht.
„Schön, dass du wiederkommst“, begrüßt ihn Herr de Vries.
Mark nickt stumm. Wie soll er dem Berater jemals klarmachen, dass er nachts von Jan träumt, sogar Erektionen wegen ihm hat und ihn gleichzeitig am liebsten wegstoßen will?
„Du darfst hier alles sagen, auch wenn es dir noch so verrückt vorkommt“, sagt Herr de Vries plötzlich leise mitten in Mark Chaos hinein.
„Ich versteh mich ja selbst nicht. Ich wollte Jan gar nicht wehtun, aber...“ Verzweifelt wischt Mark seine Tränen mit dem Pulloverärmel ab.
„Aber er bringt dich ziemlich durcheinander?“ Die Frage des Schulpsychologen klingt fast wie eine Tatsache.
Schnell sieht Mark ihn an. Wieso versteht er das? „Ich muss dauernd an ihn denken“, bricht es so schnell aus ihm heraus, dass er gar nicht mehr darüber nachdenken kann.
„Du magst ihn so sehr, dass es dir Angst macht, stimmt’s?“
„Ja“, flüstert Mark unter Tränen. Endlich hat er es jemandem gesagt. Verstohlen wirft er dem Psychologen einen Blick zu. Er sieht noch immer genauso freundlich aus.
„Du bist nicht der einzige Junge, der sich in Jungen verliebt, Mark.“
„Ich verliebe mich überhaupt nicht in Jungen“, protestiert Mark leise.
„Ich weiß, wie schwer es ist, über Verliebtheit in Jungen zu reden. Aber du bist nicht allein.
Es gibt sogar eine schwul-lesbische Gruppe für Jugendliche in Amsterdam. Ich bin mir sicher, sie würden sich freuen, dich kennen zu lernen. Vielleicht magst du die Broschüre ‚Boys who fancy boys’ mitnehmen. Ruf einfach mal dort an. Denk darüber nach Mark, ja? Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst, okay?“
Mark sieht den Psychologen nicht an. Aber er nickt.

Ende

 

Thema: Lesben- und schwulenspezifische Beratung

Teil I

„Ach, seien Sie doch bitte so gut und putzen mein Nachtschränkchen.“
Eileen fährt herum. „Ich bin nicht die Putzfrau, ich werde einmal ihre Ärztin sein.“
„Nein, da holen Sie mir lieber die Frau Dr. Mayer. Ich lass mich doch nicht von einem Neger behandeln.“
Wortlos legt Eileen den Einlauf auf den Nachttisch und verlässt das Krankenzimmer. 

„Hallo Eileen“, strahlt Kristin. „Hey, wie war dein Tag?“„Meine Mutter findet, ich kann nicht mit Menschen umgehen und die Kranken halten mich für ihre Putzfrau – war ein toller Tag. Und wie geht’s dir?“
Erschrocken weicht Kristin zurück. Ihr Herz klopft. Bloß nicht wieder das Falsche sagen.
„Ich hab mich so auf dich gefreut.“ Sie versucht ein Lächeln.
„Ich hab die Welt nicht gemacht“, knurrt Eileen, „also bitte keine Vorwürfe.“
„So war das doch gar nicht gemeint.“ Am liebsten würde Kristin wegrennen. Warum ist es immer so schwierig mit Eileen. Lieben sie sich denn nicht mehr?
„Komm, ich hab uns was Schönes gekocht. Deckst du den Tisch?“ Eileen nimmt Kristin in den Arm und küsst sie lange und zärtlich. „Besser?“ fragt sie leise.
Also ist doch alles okay. Kristin atmet erleichtert auf.
„Nimmst du bitte die Fischmesser? Und die schönen Gläser für den Traubensaft. Und die Servietten passen überhaupt nicht zu den Tellern. Siehst du das denn nicht?“

„Das ist doch völlig wurscht.“ Kristin wirft Eileen einen wütenden Blick zu. „Ich esse am liebsten so.“
„Das Auge isst mit, Kristin. Mir schmeckt es nicht, wenn alles nur so hingeschmissen ist.“
„Das ist nicht hingeschmissen. Das ist nur mein Stil, nicht deiner.“
„Stil ist gut“, grummelt Eileen. „Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, das sei ein Stil? Und musst du immer mit den Ellenbogen auf dem Tisch essen?“ Eileen tauscht genervt die Gläser und Servietten aus.
„So ist das nun mal in der Unterschicht“, würgt Kristin heraus. Sie denkt an die lachenden Gesichter zu Hause am Tisch, wo ein kostbarer Saft in Wassergläsern serviert wird und Cola im Weinglas. Oder umgekehrt? Egal.
 

Teil II

„Warum sagst du deinen Eltern nicht, dass du lesbisch bist?“ Eileen rückt ein Stück von Kristin weg, die sich sofort die Decke bis zur Nasenspitze hochzieht.
„Ich bin noch nicht so weit. Meine Eltern würden das nicht verstehen. Ich muss das ja selbst noch richtig verstehen.“
„Aber du bist dir sicher, dass du mich liebst?“
„Ja Eileen, das bin ich. Aber muss das deshalb die ganze Welt erfahren? Muss ich das unbedingt in solche Schubladen quetschen?“
„Das ist keine Schublade, das ist eine Identität. So wie ich Schwarze bin. Das begleitet dich dein Leben lang.“
„Und so wie ich aus der Unterschicht komme?“ fragt Kristin
„Was hast du nur immer mit dieser Scheiß-Unterschichts-Debatte. Deshalb wirst du ja wohl nicht unterdrückt, oder?“
„Nein, nur legen mir alle nah, dass ich mich schämen soll, weil es bei uns zu Hause keine klassische Musik gibt, ich nicht in Markenklamotten rumlaufe und dreiviertel der Fremdworte nicht verstehe, die der Lehrer von sich gibt. Und das ich noch nie in der Oper war oder im Theater oder in den Staaten in den großen Ferien. Ich schäme mich aber nicht dafür, dass mein Vater Fabrikarbeiter ist. Ich liebe meine Familie.“
„Na und?“
„Wenn ich so auf dich reagieren würde, weil die Kranken in dir eine Putzfrau sehen oder meine Klassenkameraden dich fragen, wo du herkommst oder aufgewachsen bist, dann würdest du dich wahrscheinlich sofort von mir trennen.“
„Das willst du miteinander vergleichen? Spinnst du total? Ich brauche nur die Straße lang zu laufen und die Leute schreien mir Nigger hinterher. Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie das ist, nie und nirgendwo sicher zu sein? Außer in Ghana – deshalb will ich da auch hin. Du traust dich ja nicht mal, deinen Eltern zu sagen, dass du mit einer wie mir zusammen bist.“
„Das ist nicht wahr, Eileen. Dass du schwarz bist, ist nicht der Grund. Dass ich ein Mädchen liebe, kann ich ihnen nicht klarmachen. Und dass ich dich liebe, ist sonnenklar.“
„Wirklich? Das ist das Wichtigste für mich Kristin. Weil ich dich auch so sehr liebe.“
„Dann ist doch alles okay, nicht?“
„Kristin, du träumst mir ein bisschen zu viel in letzter Zeit“. Frau Metz blickt streng über den Brillenrand. „Gefühle für Mädchen sind eine ganz normale Entwicklungsphase in der Pubertät. Man muss sich halt ausprobieren. Wirst sehen, der richtige Junge kommt noch. Jeder macht diese Phase durch. Nur die Schule darf nicht darunter leiden, verstanden?“
 

Teil III

„Ich fühle mich Eileen manchmal so unterlegen.“ Kristin wagt einen Blick in das Gesicht der Beraterin.

„Könnte dein Gefühl damit zusammenhängen, dass du einige Jahre jünger bist als Eileen? Mit knapp sechzehn ist es oft noch schwierig, schon zu lesbischen Gefühlen zu stehen. Eileen hat einige Jahre Vorsprung.“

„Wir streiten uns oft wegen Kleinigkeiten“, sagt Eileen. „Sachen, die eigentlich total lächerlich sind. Welche Farbe die Serviette haben sollte zum Beispiel.“

„Vielleicht traut ihr euch beide noch nicht, über eure Gefühle für andere Mädchen nachzudenken und streitet euch deshalb lieber wegen dieser Kleinigkeiten?“

„Aber ich weiß, dass ich Eileen liebe“, protestiert Kristin. „Nur das andere ist so schwierig.“

„Was ist das andere für dich Kristin?“

„Na ja, eben das Eileen oft schlecht behandelt wird wegen ihrer Hautfarbe. Und dann denkt sie, ich versteh sie auch nicht und stehe auch nicht zu ihr.“

„Und die Farbe der Servietten, hat das auch damit zu tun?“

„Vielleicht wehrt sich Eileen auf die Art gegen mich, weil ich zu Hause noch nicht gesagt habe, dass wir zusammen sind."

„Weil du nicht willst, dass sie wissen, dass du mit einer Negerin zusammen bist“, wirft Eileen wütend ein.

„Das ist doch Quatsch, Eileen“, fährt Kristin hoch. „Sehen Sie, genau das passiert dauernd.“

„Ihr seid zwei ganz normale Mädchen, wie alle anderen auch. Weder dass ihr lesbisch seid, noch dass du schwarz bist, ändert daran etwas. Aber wenn eure Umwelt sagt, dass eure Gefühle falsch sind, weil sie sich nicht an Jungen richten, kann es schwierig sein, eine harmonische Beziehung zu führen.“

„Also, ich weiß nicht“, zweifelt Kristin.

„Meine Umwelt ist mir scheißegal“, fährt Eileen hoch. „Mich interessiert nur, was Kristin über mich denkt.“

„Okay.“ Die Beraterin sieht Kristin an. „Was denkst du Kristin?“

„Ich liebe Eileen und ich finde sie voll okay. Aber ich fühle mich eben oft unterlegen.“

„Und du Eileen, was denkst du über Kristin?“

„Das Gleiche. Und manchmal denke ich, Kristin versteht nichts von meinen Problemen am Arbeitsplatz und sonstwo.“

„Und woher kommen diese Ängste bei euch beiden?“

„Weiß ich doch nicht“, sagt Eileen. „Deshalb sind wir ja hier.“

„Schade. Für heute müssen wir leider schon Schluss machen. Wenn ihr wollt, könnt ihr gerne wiederkommen und wir versuchen, den Gründen zusammen auf die Spur zu kommen. Ruft mich einfach an. Ich würde mich freuen.

„Ich glaub nicht, dass sie uns verstanden hat.“ Kristin tritt missmutig gegen eine leere Coladose.

„Die hat sich in was festgebissen, das nix mit uns zu tun hat“, sagt Eileen. „Ich weiß nicht, ob sie je versteht, dass wir mit dem Lesbischsein überhaupt keine Probleme haben.“
„Stimmt“, grinst Kristin schwach. „Leider bloß mit allem anderen.“

 

Ende

 

Thema:  Sexualitäten

Teil I

<Antonio> Bin ich hier richtig in einem Chat für junge homosexuelle Leute?
<Antonio> Lady, solche Infos niemals im Chat austauschen. *strengschau*, ich lebe in Italien
<Almira> Ich in der BRD. Hier sind auch Leute aus anderen europäischen Ländern.
<Antonio> Bist also schon länger hier?
<Almira> jepp
<Mark> Hallöchen allerseits
<Koray> Bin auch neu hier, guten Tag
<Elsa> Hi an alle J
<Mark> wie geht’s dir Elsa? Alles klar mit Chloé, vermisse sie
<Antonio> Herzliches hallo speziell an Koray *g*
<Koray> grüßt mal solimäßig herzlich zurück
<Elsa> Chloé geht’s immer noch nicht gut, aber mir langsam besser
<Mark> Sorry an die anderen, aber muss noch bisschen mit Elsa weiterquatschen – wenn es euch stört, verziehen wir uns in die Flüsterecke, okay?
<Almira> hört gespannt zu
<Koray> schließt sich an
<Antonio> hat zwar tausend Fragen und sitzt auf heißen Kohlen, aber übt sich in Geduld *g*
<Mark> Das freut mich Elsa, hat die Beratung was gebracht?
<Elsa> Ja, die Frau ist wirklich gut. Sie hat mir echt geholfen. Ich hoffe, Chloé lässt sich heute hier sehen, dann könnten wir zusammen schauen, wie es für sie weitergehen kann. Wäre toll. Fühle mich lange nicht mehr so hilflos wie seit ein paar Wochen. Wie geht’s denn dir Almira?

<Almira> Die Beraterin vom Unterstützerkreis hat mit meinen Eltern geredet. Sie wissen jetzt, dass ich lesbisch bin und haben eigentlich gut reagiert. Hauptsache, sie verlieren mich nicht. Aber das ist noch ein langer Weg.
<Elsa> Verstehe. Ich denk an dich und drücke alle Daumen.
<Almira> thx
<Koray> Blicke zwar nicht durch, aber drücke auch Daumen *g* Welche Fragen hast du? @Antonio
<Antonio> ups – also: Ich fall mal mit der Tür ins Haus...
<Antonio> Bin seit zwei Jahren mit einem Jungen zusammen und ich liebe ihn wirklich...
<Mark> Glückwunsch
<Koray> Ach wär ich doch schon so weit *rotwerd*
<Antonio> Geduld Leute, der Hammer kommt ja noch *g*
 

Teil II

<Antonio> Vor einem halben Jahr fühlte ich mich plötzlich von einem Mädchen total angezogen. Erst wollte ich es nicht wahr haben. Zu erkennen, dass ich schwul bin, war schon schwierig genug. Und jetzt wieder alles neu zu definieren, ich weiß überhaupt nicht, wie ich das machen soll?

<Koray> Und die Gefühle sind jetzt immer noch so?
<Antonio> Ja, absolut *schwachgrins*
<Elsa> Aber du bist noch mit dem Jungen zusammen?
<Antonio> Ja, natürlich, ich liebe ihn doch.
<Mark> Weiß dein Freund von deinen Gefühlen für sie?
<Antonio> Nein, wenn ich ehrlich bin
<Mark> Nicht so gut, oder?
<Koray> Was willst du jetzt machen?
<Antonio> Wenn ich das wüsste... ich dachte, ihr habt vielleicht Ideen???
<Mark> Du solltest mit deinem Freund reden
<Almira> Das hier ist ein Chat, wo wir ohne Beratung und so sind. Aber es gibt Chats – ob auch in Italien, weiß ich leider nicht – wo auch Berater sind, die dir weiterhelfen können.
<Antonio> Das Schlimme ist, dass ich überhaupt nicht mehr weiß, ob ich wirklich noch zu meinem Freund gehöre
<Koray> Kann ich mir vorstellen. Ich wäre froh gewesen, hätte ich mich je in ein Mädchen verliebt - aber ich bin, wie es aussieht, hundert Pro schwul
<Mark> Kann ich von mir auch so sagen –  mit Mädchen kann ich nix anfangen *grins*
<Elsa> Versteh ich gar nicht Mark. Ich finde nur Mädchen toll *zungerausstreck*
<Almira> Solidarisiert sich mit Elsa
<Antonio> Was soll ich meinem Freund denn jetzt sagen?
<Koray> Wie wär’s mit der Wahrheit?
<Antonio> Und – was ist die Wahrheit?
<Mark> Dass du bisexuell bist wahrscheinlich, oder?
<Elsa> Auch wenn’s spießig klingt, aber ich trau Leuten nicht, die sich von Mädchen und Jungen angezogen fühlen.
<Antonio> Wieso?
<Elsa> Sie wollen alles haben – sich nicht entscheiden müssen – ich find’s voll feige
<Mark> Holla Elsa, wieso das?
<Almira> Ich versteh Elsa – wenn Julie plötzlich ankäme und mir erzählen würde, sie hätte sich in einen süßen Jungen verliebt, ich würde mich sofort von ihr trennen – und ich würde daran verzweifeln
<Koray> Wenn ich mich selbst in ein Mädchen verlieben würde, fänd ich es schon okay *schiefgrins*, aber wenn mein Freund... nee, bloß nicht!
<Mark> Genau Antonio, was würdest du sagen, wenn dein Freund ankäme und würde dir das von sich erzählen?
<Antonio> Sorry, aber muss noch mal über all das nachdenken. Komme später wieder. Thx cu.

Teil III

<Antonio> Hallo, ich bin wieder da
<Aaron> Hallo Antonio
<Koray> Was hast du erreicht Antonio und wie geht’s dir?
<Antonio> Ich habe mit Paulo gesprochen und ihm alles erzählt
<Mark> hält die Luft an
<Koray> na sag schon
<Antonio> Wie Almira gesagt hat, er hat sich von mir getrennt
<Mark> WAS? Oh nein, das tut mir leid, Antonio, wirklich
<Aaron> Was ist passiert? *bitte um Aufklärung*
<Antonio> Ich bin wahrscheinlich bisexuell, fühle mich schon länger von einem Mädchen angezogen, mein Freund kommt aber damit nicht klar
<Aaron> Ich sitze hier kopfschüttelnd vor dem Bildschirm. Wichtig ist doch nur, dass sich zwei Menschen lieben, oder?
<Antonio> In meinem Fall waren es aber drei
<Aaron> War das Problem, dass du es ihm zu spät gesagt hast oder weil es eine Frau ist, womit Paulo nicht klargekommen ist?
<Antonio> Alles, denk ich
<Julie> Almira hat mir von Dir erzählt. Das Wichtigste für mich ist immer, dass alles offen ist, dass ich Bescheid weiß. Dann kann ich mit ziemlich viel gut klarkommen.
<Antonio> Das sagt sich so leicht, Julie. Ich bin doch selbst total durcheinander, habe gar keine Worte für meine Gefühle
<Julie> Wenn sich Almira in einen Jungen verlieben würde, erwarte ich von ihr, dass sie mit mir darüber spricht, bevor sie mit ihm etwas anfängt.
<Antonio> Ja klar, mit ihr angefangen hätte ich ja auch nichts. Und dann, Julie?
<Julie> Müssten wir gemeinsam schauen, wie eine Situation hergestellt werden kann, mit der sich alle Beteiligten sicher fühlen.
<Antonio> Und Du denkst wirklich, das funktioniert?
<Julie> Wenn was funktioniert, dann das!
<Aaron> Ich bin fest davon überzeugt, dass im Grunde bei allen Menschen die Fähigkeit vorhanden ist, sich sowohl in Männer als auch in Frauen zu verlieben. Bloß ist das jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt. Kein Grund also, irgendwas zu verurteilen. Ich find’s voll gut unterschiedliche Menschen lieben zu können. Ich bewundere dich Antonio und finde dich sehr mutig.
<Julie> Halten wir das als Utopie fest und unterstützen uns auf dem Weg dorthin!!
<Antonio> Ich bin dabei und danke euch allen – ciao!

 

Ende

Thema: Szene und Community  

Teil I

Der helle Wahnsinn.

Nie hätte ich Patrizia kennen gelernt, wenn wir uns nicht auf dem Schulhof geprügelt hätten und Frau Gazzi mich daraufhin in ihr Büro geschleppt hätte.

Und jetzt sitz ich hier und warte auf sie, in die ich mich unsterblich verliebt habe. Mit einem flauen Magen und Kribbeln im Bauch. Wenn ich ihr Gesicht nur vor mir sehe, wird mir schon ganz heiß. Teresa sieht ihre tiefbraunen Augen vor sich, wie sie Teresa zuerst mit einem Funkeln mustern, um sich dann vor Lust zu kleinen schmalen Schlitzen zu verengen.

Teresa atmet tief durch, sonst kann sie vor Erregung nicht mehr aufstehen. Außerdem müssen die Andern nun wirklich nicht mitkriegen, wie es um sie bestellt ist. Auch wenn es Lesben und Schwule sind. Ihre Sexualität gehört nur ihr allein. Ihr und natürlich Patrizia.

Teresa sieht auf den Hof hinunter. Dort hat sie Patrizia das erste Mal geküsst. Auf der Techno-Party vor drei Wochen. Schon wieder zieht sich ihr Bauch zusammen. Was sie auch tut, um sich abzulenken, sie landet doch immer wieder bei ihrer Sehnsucht nach Patrizias Nähe und Berührungen.

Teresa seufzt. Nie hätte ich gedacht, dass die Welt so verrückt sein kann. Ihre Geschichte mit Patrizia ist so abgedreht, dass man sie unmöglich erfinden könnte.

Träumerisch lässt sie ihren Blick durch das Café schweifen. Die Lesben und Schwulen hier sind wirklich total nett. Frau Gazzi hatte Recht. Da steht ein Lesben- und Schwulenzentrum mitten in Bologna und sie hat nichts davon gewusst. Wahnsinn.

Hier hat ihre Liebesgeschichte mit Patrizia begonnen. Bei ihrem ersten Besuch mit vor Nervosität schweißnassen Händen ist ihr wirklich alles aus dem Gesicht gefallen, als sie Patrizia hinten in der Ecke am Fenster sitzen sah. Ausgerechnet Patrizia. Sie ist lesbisch, dachte Teresa damals in einer Mischung aus Faszination und Schock. Darauf wäre sie nie gekommen. Quer durch den Raum strahlte Patrizia sie an. Teresa traute ihren Augen nicht.

„Na, hast du es endlich begriffen?“ fragte sie nur, als Teresa wie magisch angezogen endlich vor dem kleinen Cafétisch stand und Patrizia verwirrt ansah.

„Ich hätte nie gedacht, dass du...“ Teresa spricht den Satz nicht zu Ende.

„Lesben sind eben nicht alle gleich“, gibt Patrizia lakonisch zurück. „Du hast wohl ’ne ganze Menge Vorurteile.“

„Aber Franca...“

„Ist meine beste Freundin. Und hetero, na und?“

„Nichts und“, stammelt Teresa.

„Kommst du nächsten Freitag zur Techno-Party. Nur mit mir?“ Patrizia sieht sie lange an. Mit diesem Funkeln im Blick, das Teresa erst später zu deuten lernt.

Ja, so fing das alles an.

Aber das war ein langer Weg. Teresa sieht plötzlich wieder alles vor sich. 

Teil II

Auf dem Schulhof stehen die Mädchen der zehnten Klasse wie immer zusammen und kichern. Die einzige, die Teresa mag, ist Patrizia, aber sie würde sich eher die Zunge abbeißen als das zuzugeben. Im Gegenteil sieht sie sogar meist rot, wenn sie Patrizia trifft. “Na, haben wir uns wieder in die superengen Jeans gezwängt und das Gesichtchen in den Malkasten getunkt?”

“Nerv nicht rum Teresa, mach die Biege. Deine Gegenwart ist hier nicht erwünscht.”

“Das ist mir so wurscht, das glaubst du gar nicht, Patrizia.”

“Ach kommt”, sagt Franca “am besten, wir beachten die blöde Ziege gar nicht. Soll sie doch  den Mond anheulen.”

“Du musst dich grade einmischen”, faucht Teresa. “Wo du original wie eine Hure aussiehst.”

“Hau ab Teresa, bevor ich mich vergesse.” Patrizias Stimme klingt gefährlich leise. “Lass deine Provokationen woanders los, verstanden?”

“Ich wollte ja nur rückmelden, wie lächerlich ihr ausseht und wie absolut hohl euer Gerede ist.” Teresa schraubt ihre Stimme hoch. “Ach, seht mal, ist der Junge nicht total süß. Gestern hat er mir sogar auf dem Pausenhof zugelächelt.” Sie verfällt wieder in die normale Tonlage. “Das muss doch wehtun, oder?”

“Du bist doch nur neidisch, weil sich kein Junge für dich interessiert”, wagt sich Franca wieder vor.

“Falsch Franca, ich bin es mir einfach nicht wert, meine Intelligenz für einen Jungen auf den Müll zu schmeißen. So wie du und die anderen Mädchen.”

“Und wieso stehst du dann noch hier? Hau doch ab, wenn dir unser Niveau nicht passt.” Patrizia schubst Teresa zurück. Das ist zuviel.

“Hört ihr wohl auf, euch zu schlagen. Seid ihr denn völlig verrückt geworden. Patrizia, Teresa, auseinander, sofort!” Frau Gazzi hält mit jeder Hand ein Mädchen fest.

“Sie hat angefangen, wie immer”, keucht Patrizia.

“Klar”, höhnt Teresa. “Wie immer.”

“Patrizia sagt die Wahrheit. Teresa soll uns endlich in Ruhe lassen”, fordert Franca und sieht die Mathelehrerin an.

“Teresa, du kommst nach dem Unterricht bitte zu mir.“ 

Teil III

„Ich möchte Dir gern etwas zeigen. Es liegt in meinem Büro. Einverstanden?“

Teresa mochte ihre Mathelehrerin schon immer. Irgendetwas verstand sie von Teresa, was sonst niemand bemerkte.

„Eigentlich magst du Patrizia, stimmt’s?“

„Wie kommen Sie denn auf die Idee?“ Teresa fühlt sich ertappt.

„Du erinnerst mich an mich, als ich in deinem Alter war.“ Frau Gazzi zwinkert ihr zu.

„Ach ja?“ Teresa geht auf Sicherheitsabstand.

„So, wir sind da. Komm herein. Magst du dich setzen?“

„Sie wollten mir was zeigen?“

„Ja, genau. Eine Broschüre über die Gaygames. Moment.“ Die Lehrerin wühlt in einer Schublade ihres Schreibtisches. „Hier – und du bist doch so sportlich, da dachte ich, vielleicht willst du im nächsten Jahr mitspielen. Gute Volleyballspielerinnen suchen sie sicher noch.“

„Moment mal.“ Teresa mustert die Lehrerin. „Sie sind lesbisch?“

„Ja, wundert dich das? Warum gehst du eigentlich nicht mal ins Lesben- und Schwulenzentrum, suchst andere Lesben? Du hängst immer allein rum.“

„Ich habe keine Lust, als Sexobjekt gesehen zu werden.“

„Wer hat dir gesagt, dass Lesben so sind?“

„Alle sagen das.“

„Glaubst du sonst auch, was alle sagen? Jedenfalls stimmt es nicht. Schwule und Lesben haben viele Interessen. Sie gründen Sportgruppen, treffen sich zu Spieleabenden, machen Politik zusammen – was immer du willst, kannst du mit ihnen teilen.“

„Volleyball wäre schon genug für den Anfang.“ Teresa dreht die Broschüre in ihren Händen hin und her.

„Okay. Dann such ich Dir jetzt mal die Adresse vom Schwulen- und Lesbenzentrum raus. Hast du einen Internetanschluss?“

„Logo.“

„Hier sind eine paar Websites, die vielleicht interessant für dich sind. Von da aus kannst du einfach weitersuchen. Meine Kollegin hat mir letztens erst von einem Chat erzählt – für junge Lesben und Schwule, der sehr gut sein soll. Ich schreib dir das auch noch auf. Und dann siehst du dich mal um in der Lesbenwelt. Du wirst sehen, die wenigsten reduzieren dich auf Sex.“

„Und Sie? Gehen Sie auch in die Szene?“

„Szene ist vielleicht das falsche Wort. Ich habe viele lesbische Freundinnen und schwule Freunde. Ich geh zum CSD, bei Partys und Discotheken überlege ich mir sehr genau, ob Schüler und Schülerinnen von mir dort sein könnten. Wenn ja, geh ich nicht hin.“

„Wieso das denn?“

„Sieh mal, euch zu unterrichten ist mein Beruf. Und mein Privatleben ist etwas anderes. Eine andere Welt, verstehst du? Ich vermische das nicht. Das wäre nicht gut. Schließlich seid ihr von mir abhängig. Damit trage ich eine große Verantwortung, die ich ernst nehme.“

„Ich verstehe. Haben Sie vielen Dank.“

„Gern geschehen. Und viel Spaß beim Sport.“

Ende

 

Thema: Geschichte und Kultur                                                          

Teil I

Wahrscheinlich kann ich darüber doch nur mit meinen Freunden von der schwul-lesbischen jüdischen Gruppe “Sjalhomo” sprechen, denkt Aaron auf dem Weg dorthin traurig. In seinem Kopf befindet sich ein einziger Gedankensalat, den er allein nicht mehr sortieren kann. Eigentlich mag er seinen Lehrer Herrn Lanssen, der ihn in Geschichte, Philosophie und Niederländisch unterrichtet, seinen Lieblingsfächern. Er hat sich schon oft gefragt, ob der Lehrer deshalb für so viel Verständnis hat, weil er selbst im Rollstuhl sitzt und sich täglich mit allen möglichen Vorurteilen gegenüber Behinderten auseinandersetzen muss.

Seit Aaron weiß, dass er schwul ist, wird sein Interesse daran, herauszufinden, welche berühmten Persönlichkeiten in der Geschichte, Philosophie und Literatur homosexuell gewesen sind, immer größer. Ob Herr Lanssen ihm vielleicht eine so wichtige Information über den berühmten Menschen verschweigt? Kann ja sein, dass es bescheuert von Aaron ist, der Homosexualität einen so großen Raum in seinem Leben zu geben, aber – es hat sich eben alles verändert, seit er weiß, dass er schwul ist. Schwule sehen die Welt  in manchen Angelegenheiten mit anderen Augen. Deshalb muss Aaron wissen, ob Freiheitsdenker oder großartige Schriftsteller homosexuell gewesen sind. In der Schule jedenfalls erfährt er darüber nichts. Seit einem halben Jahr distanziert er sich zunehmend vom Unterrichtsgeschehen und seinen Klassenkameraden. Wenn er allein in seinem Zimmer hockt, ist es kein Problem zu lernen, aber seine Beteiligung im Unterricht ist auf dem Nullpunkt angekommen. In Geschichte und Philosophie war er im Unterricht sonst immer ganz vorn.

 

“Aaron, ich lege keinerlei Wert darauf, meinen besten Schüler in unseren Diskussionen zu verlieren. Mir fällt schon länger auf, dass du im Unterricht nicht mehr mitmachst. Hast du zu Hause Probleme, kommst du mit mir nicht mehr klar, hast du Liebeskummer? Wir haben doch immer über alles gesprochen. Geht denn das nicht mehr?”

“Bleiben meine Noten trotz der fehlenden Mitarbeit gleich?” Aaron guckt verlegen auf seine Schuhe.

“Nein, nicht so ohne Weiteres. Weil ich aber weiß, dass dich etwas bedrückt und du deshalb so schweigsam geworden bist, möchte ich dir einen Vorschlag machen. Schreib etwas zu einem ausgesuchten Thema der Philosophie und Geschichte. Mit einem brillanten Referat kannst du das ausbügeln, okay?”

“Danke, Herr Lanssen.”

Teil II

Kann er es wagen, seinen Fragen nach großen Persönlichkeiten der Geschichte, Philosophie und Literatur, die möglicherweise homosexuell waren, in einem Referat nachzugehen? Lässt ihn Herr Lanssen dann nicht sofort durchfallen?

Aaron ist davon überzeugt, dass es schon immer Schwule und Lesben gegeben hat, dass sie nur totgeschwiegen wurden. Er muss sie also bloß finden.

“Schalom Aaron, du bist ja total in Gedanken versunken.” Lachend nimmt Josef ihn in seine Arme. “Irgendetwas nicht in Ordnung, Liebster?”

“Ach Josef, ich muss ein Referat in meiner Klasse halten.” Und dann erzählt Aaron ihm die ganze Geschichte.

Die anderen von “Sjalhomo” kommen nach und nach und setzen sich dazu.

“Ich habe auch schon darüber nachgedacht, welche Frauen in der Geschichte lesbisch waren. Das ist doch wichtig und außerdem auch spannend.” bemerkt Yael.

“Hast du es schon mal im Internet versucht?” fragt Dani, die ständig alles übers Internet herausfindet.

“Gute Idee”, sagt Aaron nachdenklich. “Hilfst du mir?”

“Ich habe lange genau zu deinen Fragen recherchiert Aaron, schließlich studiere ich Philosophie.”

Aron starrt Josef an.

“Das hast du mir noch nie erzählt”, sagt er erstaunt.

“Besser spät als nie”, witzelt Josef. “Also Aaron, wenn du deine Note in Geschichte und Philosophie gleichermaßen retten willst, empfehle ich dir über Erasmus von Rotterdam zu schreiben: Er ist 1469 geboren und lebte bis 1536. Er war für seine Zeit revolutionär und sehr modern. Als Theologe, aber auch als Pädagoge. Er war im Grunde genommen viel mehr Humanist denn Theologe und er war schon zu Lebzeiten berühmt. Er hat sich sogar für die Gleichberechtigung der Frauen eingesetzt. Er leitete auf verschiedenen Ebenen die Emanzipationsbewegung ein. Und das Beste daran ist, er war schwul. Mach es zu deinem Thema Aaron. Du wirst sehen, das wird richtig gut! Ich werde dir helfen.”

“Alles klar”, sagt Aaron und grinst.

 Teil III

“Herr Lanssen, ich habe das Referat vorbereitet und wollte Ihnen heute die Inhalte vorstellen. Nur wenn Sie Zeit haben natürlich.”

“Ich freue mich, dass du so schnell auf mein Angebot eingegangen bist. Wovon wird es handeln?”

“Im Wesentlichen geht es um Erasmus von Rotterdam. Der Name sagt Ihnen bestimmt etwas.”

“Allerdings. Das sollte er auch. Immerhin gilt Erasmus von Rotterdam als Gründungsvater des Aufklärungsgedankens.”

“Haben Sie sich schon mal überlegt, dass es ein ganz persönliches Motiv für Erasmus von Rotterdam gegeben haben könnte, diese humanistische Richtung zu vertreten?”

“Wenn ich ehrlich bin, nein. Aber du hast darüber nachgedacht?”

“Ja, deshalb habe ich ihn ja ausgewählt. Wussten Sie, dass er schwul war?”

“Ach...! Nein, das war mir nicht bekannt. Und du glaubst, seine Homosexualität gab den Ausschlag für den Aufklärungsgedanken?”

“Fragen kann ich ihn leider nicht mehr, deshalb ist es nur eine These. Aber darauf baut mein Referat auf.”

“Das ist ungewöhnlich und es wird dich vielleicht in meinen Unterricht zurückbringen. So ist es doch, oder?”

“Ja, ich wollte meine Homosexualität nicht länger vor den anderen verschweigen.”

“Ein ganz persönliches Motiv also”, sagt Herr Lanssen und lächelt. “Auch wenn ich mit deinem Thema einverstanden bin, Aaron, möchte ich dir doch zu bedenken geben, dass in der Zeit von Erasmus Homosexualität nicht so wie heute gelebt und diskutiert wurde und sicher auch gar nicht so benannt worden wäre. Es ist immer schwierig, im Nachhinein eine Definition über jemanden zu stülpen, der dazu nichts mehr sagen kann. Ich lasse dein Thema mit dieser Einschränkung gelten, okay?”

“Darüber werde ich wohl noch nachdenken müssen”, sagt Aaron. 

 “Darf ich sehen, was du schon geschrieben hast?”

“Die Einleitung ist schon fertig. Den Teil über Erasmus von Rotterdam muss ich noch richtig ausformulieren. Und im letzten Teil wird es um die Übertragung in die heutige Zeit gehen. Dafür brauch ich bestimmt noch eine Woche.”

“Das ist in Ordnung“, sagt Herr Lanssen und beginnt zu lesen.

Die Geschichte ist wie eine Blumenwiese im Frühling, voller Erinnerungen an Reisen vergangener Tage und reich an Biographien, die ihre Geschichten erzählen. In dieser Fülle findet jeder, was er sucht. Die Jahrtausende menschlicher Geschichte haben eine Fülle persönlicher Schicksale erlebt. Meistens ging es dabei um Liebe und Stolz, um Toleranz und Verfolgung. Zu allen Zeiten haben sich diese Geschichten viele Male zugetragen, irgendwann, irgendwo...

 

Das antike Griechenland - das Land der Sappho - wurde lange von Lesben, Schwulen und Bisexuellen als eine Art Paradies gesehen. Doch selbst in jener Zeit der Antike schränkten die Gesetze im alten Athen die Homosexualität ein. Man war der Meinung, der Mann solle eine Frau und Kinder haben. In gewissem Maße tolerierte man jedoch eine Beziehung zwischen Mann und Jüngling als Teil der Erziehung des Jungen. Manchmal war eine solche Beziehung voller Leidenschaft, manchmal diente sie tatsächlich Erziehungszwecken. Für die Liebenden wurde es aber schwierig, wenn der Junge heranwuchs.

 

Die Verfolgung Homosexueller begann zur Zeit der frühen Christen. Im antiken Rom ließ Kaiser Augustin (313) homosexuelle Männer kastrieren; am Ende des Jahrhunderts wurden sie sogar verbrannt. Im 12. Jahrhundert tauchten mit der „amour courtois“ (der höfischen Liebe), die nicht auf heterosexuelle Zuneigung beschränkt war, wieder vereinzelt Geschichten über Homosexualität auf. Obwohl wir nicht viel über die homosexuellen Ausmaße der „amour courtois“ wissen, erklärte der Papst, dass diese Liebe keine homosexuellen Dimensionen annehmen sollte. Das lässt darauf schließen, dass es zurzeit des Minnesangs tatsächlich homosexuelle Liebschaften gab, die den Papst zu dieser Stellungnahme veranlassten.

 

Im Zeitalter der Renaissance zeigten einige Künstler offener ihre homoerotischen Neigungen. Die Schriften Platos wurden übersetzt. Obwohl die Homosexualität zu jener Zeit immer noch offiziell verboten war, wusste man, dass einige Männer, unter ihnen Leonardo da Vinci, homosexuell waren. Weil er im Alter von 24 ein Verhältnis mit einem 17-jährigen Jungen hatte, wurde er verfolgt. Später begann er eine Liebschaft mit dem jungen Caprotti, die 25 Jahre bestand. Michelangelo war stolz auf seine Individualität, und seine Arbeit war eine Ode an die Liebe zwischen Männern.

“Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht”, sagt Herr Lanssen, „nächsten Freitag will ich weiter lesen!”

 

Ende

 

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